Instrumentenkunde
Feel the Bass
Bassklarinette
Bassklarinette
"Glicibarifono", Süß-Tieftöner, nannten die Italiener die Bassklarinette. Und in der Tat darf man sich von ihrem Äußeren nicht täuschen lassen. "Beim Anblick dieses großen, ja riesigen Instruments glaubten die Hörer, dass sie harte und raue Töne zu hören bekommen würden, statt dessen hören sie schöne, volle, starke und weich klingende Töne...", notierte der belgische Musikforscher Francois J. Fetis. So unverwechselbar wie ihr Klang, so groß ist ihr Tonumfang. In Sachen Tonumfang macht der Bass-Klarinette macht der Bass-Klarinette nämlich kein anderes Blasinstrument etwas vor, darin übertrifft sie alle anderen. Kann sie doch so tief spielen wie ein Fagott, aber auch beinahe so hoch wie eine normale Klarinette. Auch in der Dynamik kann sie die volle Bandbreite ausschöpfen. Extreme Lautstärken im fff ist für sie genauso möglich wie das Einsetzen in ppp, selbst in beliebiger Tonhöhe.
Der Bass der Klarinettenfamilie ist in B notiert, meist im Violinschlüssel, und klingt eine Oktave tiefer als die B-Klarinette. Im Gegensatz zu ihrer kleinen Schwester muss die Bass-Klarinette aber nur selten artistische Fingerübungen machen. Vielmehr kommt es bei ihr auf Klang und ruhige Bewegung an. Das Verhältnis von B- und Bass-Klarinette lässt sich deshalb mit dem von Violine und Cello im Symphonie-Orchester vergleichen. Dort hat sich die Bass-Klarinette seit ihrem Ritterschlag durch Meyerbeer, der sie 1836 mit einem großangelegten Rezitativ in seiner Oper "Die Hugenotten" einführte, einen festen Platz erobert. Berühmte Komponisten schrieben ihr seither Solopassagen auf den Leib. Das bekannteste Bass-Klarinettensolo in der Klassik ist wohl der "Tanz der Zuckerfee" aus Tschaikowskis Ballett "Der Nussknacker". Solistische Passagen finden sich außerdem in einigen Wagner-Opern, vor allem in "Tristan und Isolde" und der "Walküre", und in der "Rhapsodie Espagnole" von Maurice Ravel. Auch in den symphonischen Dichtungen von Richard Strauss und in praktisch allen Orchesterkompositionen von Gustav Mahler spielt die Bass-Klarinette eine wichtige Rolle. Vor allen in der Neuen Musik wird die Bass-Klarinette auch in kleinen Besetzungen eingesetzt. Arnold Schönbergs "Pierrot Lunaire" gilt hier als Paradebeispiel. Im Klarinettenquartett ist sie als Bassinstrument stets besetzt. Und auch als Solo-Instrument wird die Bass-Klarinette im vergangenen Jahrhundert in einer Vielzahl von virtuosen und oft schwierig zu spielenden Solo-Stücken in Szene gesetzt. Genannt seien hier als Beispiel Mauricio Kagels 1995 vorgelegtes Stück "Schattenklänge", Diedrich Erdmanns "Monolog", Othmar Schoecks Sonate für Bassklarinette und Klavier op.41, Elliott Carters "Steep Steps", Olga Neuwirths "Spleen" sowie auch Iris ter Schiphorts "He bill" von 2005.
Im Jazz spielte 1926 Omer Simeon in der Nummer "Someday Sweetheart" von Jelly Roll Morton und seinen Red Hot Peppers das erste Bass-Klarinetten-Solo. Der erste wichtige Bass-Klarinetten-Solist im Jazz aber war Eric Dolphy, ein US-amerikanischer Jass-Musiker und Wegbereiter der Jazz-Avantgarde, der die Bass-Klarinette in den 1960er-Jahren als ernst zu nehmende Jazzinstrument etablierte. Seither wird die Bass-Klarinette im Jazz oft verwendet, häufig als Nebeninstrument von Saxophonisten. Akustisch sind Saxophon und Bass-Klarinette zwar nur entfernte Verwandte, stammen aber, was viele nicht wissen, vom selben Vater. Adolphe Sax hat die Entwicklung der Bass-Klarinette entscheidend beeinflusst. Da es um 1800, als die Entwicklung der Bass-Klarinette begann, noch keine ausgereiften Klappen gab, musst das Instrument mehrfach geknickt werden, um mit den Fingern die weit auseinander liegenden Tonlöcher abzudecken. In den Anfängen ähnelte die Bass-Klarinette daher eher einer gewundenen Schlange. Bis der Belgische Instrumentenbauer Adolphe Sax um 1840, jetzt schon unter Verwendung stark verbesserter Klappen, die gerade Instrumentenform einführte, die dem heutigen Instrument schon sehr ähnlich sah.
Große Hände und lange, kräftige Finger sind aber auch heute Voraussetzung für den Griff zur Bass-Klarinette. Ansonsten ist das Anforderungsprofil an Bass-Klarinetten nicht so hoch als das bei der B-Klarinette. Nur selten sind Bass-Klarinettenstimmen virtuos. Dafür braucht der Bass-Klarinettist aber eine erheblich größeres Lungenvolumen, weil Komponisten und Arrangeure der Bass-Klarinette mit großen Legatobögen und langen Haltetönen die Rolle der Klangmalerin zuweisen. Außerdem sollte man als Bass-Klarinettist auf das Rampenlicht verzichten können. Denn echte Soli sind im Blasorchester, auch im sinfonischen, eher selten. Den geheimnisvollen, entfernten Ton und tollen, unverwechselbaren Klang der Bass-Klarinette werden der Klarinettist und das Publikum dafür umso mehr zu schätzen wissen.
Quelle: blasmusik, Martina Faller
Mit freundlicher Genehmigung Verlag Golden Wind
Aktualisiert (Freitag, den 09. September 2011 um 12:02 Uhr)
